Biographie

Interaktive Zeitleiste

1961–1964: Düsseldorfer Kunstakademie


Im Jahr 1961 flüchten Richter und seine Frau Ema endgültig aus der zunehmend repressiveren DDR und emigrieren nach Westdeutschland. Richter spielt mit dem Gedanken, nach München zu ziehen, lässt sich dann jedoch in Düsseldorf nieder, um dort sein neues Leben aufzubauen. Er folgt dem Rat von Reinhard Graner, der bereits in Düsseldorf wohnt und bei welchem er die ersten Wochen unterkommt. Die staatliche Kunstakademie Düsseldorf genießt schon damals den Ruf, ein progressiver Ort mit regem Austausch zu sein und so beschließt Richter, sich trotz des bereits in Dresden abgeschlossenen Studiums zu bewerben. Zum einen will er sich einen besseren Überblick über die aktuellen Entwicklungen der westlichen Kunstwelt verschaffen und zum anderen sucht er bewusst Kontakt zu den Künstlerkollegen. Als Student hat er zudem Anspruch auf ein kleines Stipendium, was für ihn in den ersten fünf Jahren im Westen überlebenswichtig wird. Ab Semesteranfang im Oktober 1961 malt er geradezu fieberhaft und probiert sich in den verschiedensten Techniken und Stilrichtungen. Richter, der zunächst die Klasse von Ferdinand Macketanz besucht, beschreibt die Arbeiten, die in dieser Zeit entstehen, später als „so zwischen Dubuffet, Giacometti, Tàpies und vielen anderen.“33 Obwohl er mit vielen Bildern unzufrieden ist – und später die meisten vernichten wird –, ist dies doch eine wichtige Phase des Experimentierens, die einerseits von der Leidenschaft und Hingabe für seine Arbeit zeugt, andererseits dazu beiträgt, in der Akademie wahrgenommen zu werden.

 

Die Kunsthochschule ist nicht nur eine Bastion des Informel, sondern wird außerdem zur Plattform des Fluxus. Kurz nach Richters Ankunft wird Beuys als Professor an die Düsseldorfer Akademie gerufen. Aber die eigentliche Kunstszene reicht weit über die Mauern der Hochschule hinaus – überall in der Stadt und im nahe gelegenen Köln gibt es eine lebendige Gemeinschaft von Künstlern, die sich auf zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen tummeln, nicht zuletzt durch Impulse der 1957 von Otto Piene und Heinz Mack gegründeten Gruppe ZERO.

 

Nach dem ersten Semester wechselt Richter in die Klasse von Karl Otto Götz, der einige der interessantesten Studenten der Akademie anzieht. Kurz zuvor hat Richter seinen Kommilitonen Konrad Fischer [damals Konrad Lueg] kennengelernt, der ebenfalls zu Götz wechselte. Richters Verbindung zu Lueg erweist sich als wegweisend: „Und dazu kam der große Glücksfall, dass ich dort an der Akademie die richtigen Freunde fand, also Sigmar Polke, Konrad Fischer und [Blinky] Palermo.“34

 

Richters erste Ausstellung, die außerhalb des akademischen Rahmens stattfindet, wird in der Galerie „Junge Kunst“ in Fulda zusammen mit Manfred Kuttner organisiert. Im Mai 1963 stellen Richter, Lueg, Polke und Kuttner in einem leeren Ladenlokal in der Düsseldorfer Altstadt, welches sie von der Stadtverwaltung mieten, aus. Im Oktober desselben Jahres organisieren Richter und Lueg in einem Möbelhaus in der Innenstadt eine Ausstellung, die zeitgleich mit einer Demonstration stattfindet. Unter dem Titel „Leben mit Pop – Eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“ verbinden die Künstler Vernissage und Happening, indem sie als lebende Skulpturen auftreten – zum Einsatz kommen außerdem ein laufender Fernseher, verschiedenste Requisiten und selbstgebaute Pappfiguren des (damals noch lebenden) amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy sowie des Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela. Teil der Ausstellung ist unter anderem eine Garderobe mit einem Anzug von Beuys, was ahnen lässt, welchen Stellenwert Fluxus einnimmt: „Fluxus hat mich sehr beeindruckt. Es war so absurd und destruktiv“,35 bemerkt Richter später. Die Ausstellung im Möbelhaus erregt erhebliches Aufsehen und ist beispielhaft dafür, welche Energie, Neugierde und Humor Richter und seine Freunde in dieser Zeit verbindet. Die jungen Männer sind zwar eindeutig Konkurrenten – unterstützen einander aber ebenso vorbehaltslos. Allen liegt daran, künstlerisch voranzukommen und sich einen Namen zu machen. Nicht nur im Hinblick auf die Entwicklungen in Deutschland sind sie auf dem Laufenden, sie beobachten auch die Pop-Art, die von den USA nach Europa kommt. Jeder nimmt andere Elemente dieser Bewegung in das eigene Denken und in die eigene Kunstpraxis auf – so gehören sie bereits als Studierende zu den Vorreitern der europäischen Kunstszene.

 

Richters Interesse am politischen Zeitgeschehen, an der Konsumgesellschaft, den Medien und der Populärkultur spiegelt sich zunehmend in seinen Bildern wider. Frühe Beispiele sind „Party“ [Werkverzeichnis: 2-1], 1963, das Bild eines Moderators, umringt von vier eleganten Damen auf der Silvesterfeier einer Unterhaltungsshow, wie sie für das deutsche Fernsehen damals typisch ist; „Tisch“ [WVZ: 1], 1962, das Bild eines modernen Tischs, gemalt nach einem Ausschnitt der italienischen Design-Zeitschrift „Domus“; das Bild „Präsident Johnson versucht Mrs. Kennedy zu trösten“ [WVZ: 11-2], 1963, inspiriert von einem Zeitungsausschnitt; und „Faltbarer Trockner“ [WVZ: 4], 1962, einer Werbeanzeige für einen Wäscheständer nachempfunden. Diese Werke markieren den Anfang von Richters Arbeit mit Fotografien, welche den entscheidenden Durchbruch bringen – etwas, was in der gängigen Praxis bisher undenkbar war.

 

Von diesem Moment an ist Richters Praxis geprägt von seiner Auseinandersetzung mit der Fotografie und seiner Malerei sowie ihrem Verhältnis zueinander. 1963 entstehen erste Arbeiten mit Unschärfetechniken, darunter auch „Alster“ [WVZ: 10]. Außerdem nimmt er die Arbeit an einer Reihe von Bildern mit Militärflugzeugen auf, die er bis 1964 fortsetzt. Es handelt sich hierbei überwiegend um Pressebilder und gefundene Fotografien, darunter auch Aufnahmen der eigenen Familie. Als Richter 1964 die Akademie verlässt, ist er voller Tatendrang und bereit, seine künstlerische Laufbahn voranzutreiben. In dieser Zeit entstehen Bilder wie „Fußgänger“ [WVZ: 6] oder „Alster“ [WVZ: 10]

 

33 Interview mit Jan Thorn-Prikker, 2004, in: Gerhard Richter: Text, 2008, S. 485

34 Ibid., S. 485. 

35 Interview mit Dorothea Dietrich, 1985, in: Gerhard Richter: Text, 2008, S. 157.