Sonstige Aspekte

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Kontakt mit gleichdenkenden Malern – eine Gruppe ist für mich sehr wichtig; es kommt nichts von alleine. Wir haben zum Teil unsere Ideen im Gespräch entwickelt. Eine Isolation auf dem Dorf wäre z. B. nichts für mich. Man ist von seiner Umwelt abhängig. In diesem Sinn ist der Austausch mit anderen Künstlern, speziell die Zusammenarbeit mit Lueg und Polke, für mich wichtig und Teil der Information, die ich brauche.

Notizen 1964 (–1967) QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 23


Die Bilder sind zwar veranschaulichte Idee oder bildgewordene, und die Idee soll auch ablesbar sein, sowohl im Einzelbild wie im Zusammenhang, was natürlich voraussetzt, dass über Idee und Kontext sprachlich informiert wird. Das heißt aber nicht, dass sie als Illustration einer Idee fungieren, sondern die Bilder sind letztlich die Idee selbst; die sprachliche Formulierung der Idee ist auch keine Übersetzung vom Bildnerischen, sondern hat lediglich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Meinung der Idee, ist Interpretation, wörtlich genommen Nachdenken.

Brief an Jean-Christophe Ammann Februar 1973 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 70


Ich habe zwar die ständige Verzweiflung über mein Unvermögen, die Unmöglichkeit, etwas vollbringen zu können, ein gültiges, richtiges Bild zu malen, vor allem zu wissen, wie so ein Bild auszusehen hätte; aber ich habe gleichzeitig immer die Hoffnung, dass genau das gelingen könnte, dass sich das aus diesem Weitermachen einmal ergibt, und diese Hoffnung wird ja auch oft genährt, indem stellenweise, ansatzweise, tatsächlich etwas entsteht, was an das Ersehnte erinnert oder es erahnen lässt, wenngleich ich ja oft genug nur genarrt wurde, also dass das, was ich momentan darin sah, verschwand und nichts übrigließ als das Übliche.

Notizen 1985 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 140


Ich habe kein Motiv, nur Motivation. Ich glaube, dass die Motivation das Eigentliche, Naturgemäße ist, dass das Motiv altmodisch, ja reaktionär ist (dumm wie die Frage nach dem Sinn des Lebens).

Notizen 1985 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 140


Welche Rolle spielt der Zufall in Deiner Malerei?
Eine ganz wesentliche, und das eigentlich schon immer. Manchmal beunruhigte mich das sehr, und ich sah es als persönliches Manko, dass ich so auf den Zufall angewiesen bin.

Ist das ein anderer Zufall als bei Pollock? Ein anderer als beim surrealistischen Automatismus?
Sicherlich ein anderer, vor allem nie ein blinder, immer ein geplanter, aber immer ein überraschender. Und ich brauche ihn, um weiterzugehen, um meine Fehler auszumerzen, das, was ich falsch gedacht habe, zu zerstören, um etwas Anderes und Störendes einzubringen. Und oft bin ich verblüfft, wieviel besser der Zufall ist als ich.

Interview mit Benjamin H. D. Buchloh 1986 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 184


Sagen Sie einmal ein Beispiel für Ihren Begriff der „Schönheit‟?
Das kann ein Bild von Mondrian sein, ein Musikstück von Schönberg oder Mozart, ein Bild von Leonardo, Barnett Newman oder auch Jackson Pollock. Das ist für mich schön. Aber ebenso die Natur. Ein Mensch kann auch schön sein. Schönheit heißt auch Unversehrtheit. Das ist ja auch ein Ideal, dass wir Menschen unversehrt sind und eben deswegen schön.

Interview mit Christiane Vielhaber 1986 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 197


Was ist für Sie die Wirklichkeit und die Wahrheit auf Ihren Bildern?
Die Wahrheit… Wenn Sie eine ähnliche Struktur haben und ähnlich wahr organisiert sind wie die Natur. Wenn ich aus dem Fenster gucke, dann ist das für mich wahr, so wie es sich draußen zeigt in den verschiedenen Tönen, Farben und Proportionen. Das ist eine Wahrheit und hat eine Richtigkeit. Dieser Ausschnitt und überhaupt jeder beliebige Ausschnitt aus der Natur ist für mich ein ständiger Anspruch, und er ist ein Vorbild für meine Bilder.

Interview mit Christiane Vielhaber 1986 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 198


Natur/Struktur. Mehr ist nicht zu sagen, darauf reduzieren ich in den Bildern, wobei ,Reduzieren‘ das falsche Wort ist, denn es handelt sich nicht um Vereinfachungen. Ich kann es nicht verbalisieren, woran ich da arbeite, was ich als grundsätzlich vielschichtig ansehe, als das Wichtigere, Wahrere.

Notizen 1989 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 216


Illusion – besser Anschein, Schein ist mein Lebensthema (könnte Thema für Anfängerbegrüßungsrede an der Akademie sein). Alles, was ist, scheint und ist für uns sichtbar, weil wir den Schein, den es reflektiert, wahrnehmen, nichts anderes ist sichtbar.

Notizen 1989 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln, 2008, S. 223


Wie gelingt es Ihnen, den Zufall so zu lenken, dass ein ganz bestimmtes Bild mit einer ganz bestimmten Aussage entsteht, denn das ist doch Ihr erklärtes Anliegen?
Ich habe eben nicht ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, sondern möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Also, diese Arbeitsmethode mit Willkür, Zufall, Einfall und Zerstörung lässt zwar einen bestimmten Bildtypus entstehen, aber nie ein vorherbestimmtes Bild. Das jeweilige Bild soll sich aus einer malerischen oder visuellen Logik entwickeln, sich wie zwangsläufig ergeben. Und indem ich dieses Bildergebnis nicht plane, hoffe ich, eher eine Stimmigkeit und Objektivität verwirklichen zu können, die eben ein beliebiges Stück Natur (oder ein Readymade) immer hat. Sicherlich ist das auch eine Methode, um die unbewussten Leistungen einzusetzen, soweit wie möglich. – Ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann.

Interview mit 1990 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 262


Du hast gesagt, dass Du in den sechziger Jahren sehr beeindruckt warst von Cages Lecture on Nothing, in der er an einer Stelle erklärt: „Ich habe nichts zu sagen, und das sage ich.‟ Wie hast Du dieses Paradox damals verstanden, und welchen Zusammenhang hast Du zwischen diesem Paradox und Deinem eigenen Bedürfnis gesehen, in Deinen Arbeiten keine großen, deklarativen Aussagen zu machen?
Ich dachte, dass da dasselbe Motiv dahinter stand, aus dem heraus er mit der Idee des Zufalls arbeitete, nämlich dass wir gar nicht viel sagen können und gar nicht viel wissen können, in einem klassischen, philosophischen Sinne: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

MoMA-Interview mit Robert Storr 2002 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 429


Als Du damals über Deine Verwendung von Fotos als Quelle für Gemälde gesprochen hast, über die Auswahl, die Du dadurch hattest, und die Verschiedenheit der gewählten Bilder, hattest Du da die scheinbare Zufälligkeit von Cages Vorgehensweise als Modell vor Augen?
Cage hatte größere Disziplin. Er hat den Zufall zur Methode gemacht und richtig konstruktiv angewendet, das habe ich nie gemacht. Hier ist alles etwas chaotischer.

Chaotischer im Sinne von zufälliger oder im Sinne von intuitiver?
Vielleicht intuitiver. Ich glaube, er wusste mehr, was er tat. Vielleicht liege ich damit völlig falsch, aber das war mein Eindruck.

MoMA-Interview mit Robert Storr 2002 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 429


Was verstehen Sie unter Tradition im Sinne von Tradition kennen, um sie brechen zu können? Und wenn dem so ist, was wird gebrochen in der Tradition?
Der Wunsch mit einer Tradition zu brechen, ist ja nur angebracht, wenn es sich um überholte, also störende Traditionen handelt, an diese Seite habe ich gar nicht gedacht, weil ich ganz altmodisch Tradition mit Wert gleichsetze (das mag ein Fehler sein). Egal wie, aber auch bei dieser positiven Tradition gibt es Anlass, gegen sie zu sein, ganz einfach, wenn sie zu mächtig, zu fordernd, zu anspruchsvoll ist. Das wäre dann prinzipiell die menschliche Seite des Aufbegehrens.

Interview mit Jeanne Anne Nugent 2006 QUELLE

Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008, S. 521


Ihre Generation war ja wesentlich geprägt von 1968, das war bei Ihnen nicht der Fall. Hatte das auch mit der DDR zu tun?
Das hatte absolut mit der DDR zu tun. Ich wusste wirklich nicht, was die Protestierer im Westen eigentlich wollten. Es war phantastisch hier, so viel Freiheit, und das bezeichnen die dann als muffig, spießig und faschistisch, als bleierne Zeit. Bleiern war die DDR, und nur sie hatte die Methoden der Einschüchterung, der Gewaltausübung und Lügenpropaganda fast eins zu eins vom Nazi-Deutschland übernommen.

Über Pop, Ost-West und einige der Bildquellen. Uwe M. Schneede im Gespräch mit Gerhard Richter QUELLE

Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, Hirmer Verlag, München, 2011, S. 105


Wenn Sie nicht an Gott glauben, woran glauben Sie dann?
Also erstens glaube ich, dass man immer glauben muss. Es geht ja überhaupt nicht anders; wir glauben ja auch, dass wir diese Ausstellung machen werden. Aber an den Gott kann ich nicht glauben, der ist mir entweder zu groß oder zu klein und immer unverständlich, unglaubhaft.

Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es. Ein Gespräch zwischen Gerhard Richter und Nicholas Serota, Frühjahr 2011 QUELLE

Gerhard Richter. Panorama. Retrospektive, Prestel, München, 2012, S. 24


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