Biographie

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Jugendzeit


Richters Interesse für Kunst und Kultur nimmt in der Nachkriegszeit konkretere Gestalt an. Als der Osten Deutschlands schließlich zur DDR erklärt wird, paart sich politische Unsicherheit mit einer Verschiebung des kulturellen Status quo. Im Gespräch mit Robert Storr führt Richter aus: „Es war schauerlich, aber als die Russen in unser Dorf kamen und die Villen der Reichen beschlagnahmten, die bereits weggezogen oder vertrieben worden waren, richteten sie in den Villen Büchereien für die Bevölkerung ein. Und das war fantastisch.“12 In einem späteren Gespräch mit Jan Thorn-Prikker berichtet Richter weiter: „Cesare Lombroso: Genie und Wahnsinn, Hesse, Stefan Zweig, Feuchtwanger, diese ganze große bürgerliche Literatur. Eine wunderbare freie Zeit war das. Da vergisst man wohl gerne die anderen Seiten.“13 Hildegard ermuntert ihren Sohn, Nietzsche, Goethe, Schiller sowie weitere Autoren und Schriftsteller zu lesen und so war es, Elger zufolge, „dieses unendliche Angebot von illustrierten Büchern, die ihn zu seinen ersten Zeichnungen inspirierten“.14 In einem Interview mit Jeanne Anne Nugent erinnert sich Richter vor allem an Publikationen über Velázquez, Dürer oder Corinth, die sein besonderes Interesse weckten.
 
Im Alter von 15 Jahren beginnt Richter regelmäßig zu zeichnen. Eine seiner ersten Skizzen zeigen einen Akt, den er aus einem Buch kopiert hat und auf welchen seine Eltern ebenso peinlich berührt, wie stolz reagieren. Zudem erinnert er sich, oft Landschaften, Selbstporträts und Aquarelle gemalt zu haben. In einem Gespräch mit Storr 2002 beschreibt Richter ein Bild, welches in Waltersdorf entstanden ist und eine Gruppe von Tänzern zeigt: „Es war ein Besuch in einem Club, ich sah den anderen beim Tanzen zu, und ich war eifersüchtig, ärgerlich und verbittert. Und in dem Aquarell kommt die ganze Wut eines Sechzehnjährigen zum Ausdruck. Genauso bei den Gedichten, die ich damals schrieb – sehr romantisch, aber bitter und nihilistisch, wie Nietzsche und Hermann Hesse.“15
 
Während Richter 1947 die Handelsschule im nahe gelegenen Zittau besucht, belegt er einen zusätzlichen Abendkurs in Malerei. Über diesen ersten Malunterricht ist wenig bekannt, Elger merkt jedoch an, dass Richter noch vor Abschluss des Kurses befriedigt feststellt, wohl alles gelernt zu haben, was ihm die Lehrer dort beibringen können. Aber selbst nach Beendigung der Handelsschule zieht er den Beruf des Künstlers noch immer nicht ernsthaft in Erwägung, sondern unterschiedliche Professionen wie Försterei, Zahnmedizin oder Lithographie.
 
Er verlässt nun endgültig Waltersdorf, um im nahegelegenen Zittau als Auszubildender seine erste Anstellung in einem Malereibetrieb, welcher Polittransparente für die DDR-Regierung fertigt, anzunehmen. In den 1940er Jahren ist dies eine gängige Art, um den Einstieg in die Karriere zu schaffen. Storr berichtet, dass Richter in den ersten fünf Monaten kaum eine Gelegenheit erhalten hat, selbst Plakate zu malen und stattdessen die alten Transparente abnehmen und reinigen musste, bevor seine Kollegen diese erneut bemalen konnten.
Im Februar 1950 geht er an das Stadttheater Zittau, wo er als Gehilfe der Prospektmalerei eine Beschäftigung findet. Während dieser Monate arbeitet Richter unter anderem an Bühnenbildern für Goethes Faust und Schillers Wilhelm Tell. Als er sich weigert, das Treppenhaus des Theaters zu streichen, wird er prompt entlassen.
 
Er trifft den Entschluss, sich bei der Kunstakademie in Dresden zu bewerben. Es ist unklar, ob er dies bereits während der Zeit am Theater plant oder die Entlassung den Anstoß gibt. Nachdem die erste Bewerbung scheitert, raten ihm seine Prüfer zu einer Anstellung in einem staatseigenen Betrieb, um damit seine Chancen auf eine Zulassung zu erhöhen. Elger weist darauf hin, dass Staatsangestellte damals bevorzugt behandelt wurden. Tatsächlich scheint der Rat wertvoll, denn kaum dass Richter acht Monate als Maler bei der Dewag [Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft] in Zittau gearbeitet hat, bewirbt er sich erneut an der Akademie und wird sogleich akzeptiert. Im Sommer 1951 kehrt er in seine Geburtsstadt Dresden zurück und nimmt offiziell das Studium der Malerei auf.
 
 
12 Zitiert nach Storr, Malerei, 2007, S. 18.
13 Interview mit Jan Thorn-Prikker, 2004, in: Gerhard Richter: Text, 2008, S. 477.
14 Elger, Gerhard Richter, A Life in Painting, 2009, S. 7.
15 Interview mit Storr, 2002, in: Gerhard Richter: Text, 2008, S. 375.